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Was ist ein Familienhaus?


Literatur
  • Michael Baumgartner, The moral order of a suburb, Oxford 1988
  • Robert Fishman, Burgeois Utopias. The Rise and Fall of Suburbia, New York 1987
  • Jürgen Habermas, Strukturální proměna veřejnosti, Praha 2000
  • Peter Hall, The Cities in Civilisation. Culture, Innovation and Urban Order, London 1998
  • Peter Hall, Cities in Tomorrow. An Intelectual History of Urban Planning and Design in the Twentieth Century, Oxford 2002
  • Richard Harris, Peter J. (eds.) Larkham, Changing Suburbs: Foundation, Form and Function, London
  • Ladislava Horňáková, František Lýdie Gahura. Projekty, realizace a sochařské dílo (kat. výstavy), Krajská galerie výtvarného umění ve Zlíně 2006
  • Donald J. Olsen, The City as a Work of Art: London, Paris, Vienna, New Haven, London 1986

 Was ist ein Familienhaus?

Ein Familienhaus – idealerweise mit Garten – versteht die tschechische Gesellschaft über lange Zeit als ideales Wohnen, dies obwohl die Mehrheit der Bevölkerung nicht darin wohnt. Es bietet einer Familie und all ihren Mitgliedern genügend Privatsphäre, macht es möglich, sich in der Freizeit zu realisieren und ist in gewisser Hinsicht auch eine wirtschaftliche Sicherheit. All das sind Bilder eines Ideals, die sich natürlich von der gelebten Realität unterscheiden können, und zwar auch ziemlich grundsätzlich. Es bleibt die Frage, wo dieses idealisierte Bild eines Familienhauses seinen Ursprung hat. Ein Familienhaus ist nämlich keine historische Selbstverständlichkeit, seine Entstehung und Entwicklung hängt eng mit der Entstehung und den Wandlungen der modernen Gesellschaft zusammen.

Für gewöhnlich wird ein Familienhaus als städtisches Einzel- oder Reihenhaus für eine Familie beschrieben. Gerade das Prädikat städtisch ist hier wichtig, da dies – obgleich das Land (also das, was wir als nicht städtisch verstehen) voller Familienhäuser ist – in Wirklichkeit keine ursprünglich ländlichen Behausungen sind, sondern eher Erscheinungsformen einer (sozialen und kulturellen) Urbanisierung ländlicher Gebiete. Ein Unterschied besteht vor allem in den Funktionen, die ländliche Häuser ursprünglich hatten und modernen Familienhäusern in den meisten Fällen fehlen.

Das moderne städtische Familienhaus begann ungefähr im 19. Jahrhundert aufzutauchen. Wir können es als Folge der Änderungen verstehen, welche die westliche Gestellschaft ungefähr ab der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert durchgemacht hat. In diese Zeit fallen die Anfänge der Moderne, in der sich die Prinzipien der Existenz in der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Sphäre des Lebens nach und nach zu ändern beginnen. Im politischen Bereich beginnt der Gedanke der Öffentlichkeit Form anzunehmen, im wirtschaftlichen Bereich begann es zu Änderungen im Produktionsprozess zu kommen, im kulturellen Bereich verbreitet sich nach und nach die Fähigkeit, Texte aller Art zu lesen und zu produzieren (es entwickeln sich Theater, eine Lesegemeinde, Zeitungen…).

Eine Begleiterscheinung dieser Veränderungen ist auch die allmähliche Trennung dieser Bereiche von einer weiteren, parallel entstehenden Sphäre, nämlich dem Zuhause. Der Privatbereich, von dem aus man sich in den Bereich der Kultur, Arbeit und Politik begibt und wieder in ihn zurückkehrt. Der Ort des Wohnens hörte auf, ein Ort der Arbeit zu sein, und zwar für einen großen Teil der Einwohner der wachsenden Städte. Die Arbeiter arbeiten in Fabriken, die Beamten in Behörden. Die Wohnungen und Häuser sind der Ort für das Familienleben. In anderen Worten formuliert begannen spezialisierte, für die Arbeit bestimmte Orte, und solche für das „Übrige“ zu entstehen. Es taucht die Vorstellung von erwerbsmäßiger Arbeitszeit und von Freizeit auf. Es entstehen zwei allgemeine Typen einer solchen Famlienwohnung: Wohnungen in städtischen Mietshäusern und einzelstehende Familienhäuser.

Sie sind vor allem für die angelsächsische Umgebung spezifisch. Von dort bezog auch die Firma Baťa ihre Inspiration, deren Familienhäuser einen bedeutenden Bestandteil der Visualität der Stadt Zlín bilden. Überdies kann man gerade dort beobachten, dass ein Familienhaus nicht dasselbe ist, wie ein ländliches Wirtschaftsgebäude. In ihm verschmelzen, ähnlich wie in einem städtischen Haus der vormodernen Zeit, das Leben der Familie und ihre Arbeit zu einer Einheit. Das Familienhaus ist hingegen eine Spiegelung der Trennung dieser beiden Tätigkeiten (wenn auch keine absolute, da die Heimarbeit nie ganz verschwand). Es ist ein Typus des städtischen Wohnens, bzw. des urbanisierten Menschen, auf dem sogar völlig neue städtische Räume – Villen- und Häuserviertel, ggf. die Entstehung von Vorstadtbereichen beruhen.  

Diejenigen, welche die Idee des Familienhauses und seine Formen vorantrieben, waren vor allem Angehörige der Mittelschicht; diejenigen, die hundert Jahre zuvor zu Triebkräften von Veränderungen wurden – reiche Bürger, wachsende Industrielle, innovative Unternehmer sowie Intelektuelle und Beamte. Neben ihnen tauchten in den Städten immer mehr Beschäftigte und Arbeiter auf, oftmals Menschen aus ländlichen Gebieten, die gezwungen waren, in die Städte zu gehen, um ihren Lebensunterhalt zu finden. Zwei neue soziale Gruppen, zwei Gruppen von Menschen, deren Wohnungen das Aussehen der Stadt grundlegend veränderten. Die stärker werdende Mittelschicht begann neue Wohnungen zu suchen, häufig unter dem Druck ungünstiger Lebensbedingungen – die Bevölkerungsdichte, das Maß an Verunreinigung und die damit zusammenhängenden schlechten hygienischen Bedingungen haben dazu geführt, dass in einigen Städten neue Straßen und Viertel entstanden, die weiter von den Stadtzentren entfernt und näher an der Natur (bzw. an ihrem romantischen Ideal) lagen. So entstand ein mittelständisches Familienhaus (idealerweise mit Garten), das sich von aristokratischen Palästen und Landsitzen inspirieren ließ. Es wurde zu einem Ort der Ruhe und Erholung für diejenigen, die zur Arbeit gingen (typischerweise Männer), und zu einem Bereich, in dem sich um Familie und Haushalt gekümmert wurde, was die Arbeit der Frauen war.

Diese Hausarbeit der Frauen wird heute oft stereotyp als sich um den Haushalt und dessen Mitglieder zu kümmern verstanden. Im 19. Jahrhundert galt diese Trennung noch nicht buchstäblich, obwohl die Frauen gerade damals wegen der Trennung der Arbeit vom Zuhause ihren Einfluss auf die Erwerbssphäre des Lebens einbüßten – einfach deshalb, weil die Arbeit viel zu weit weg war. Häuser der Mittelklasse dienten jedoch ungefähr bis zum 1. Weltkrieg gleichzeitig als Arbeitsraum für weitere Mitglieder der Gesellschaft: für Köchinnen, Hauswirtschafterinnen, Hausverwalter – für Leute also, die sich um den Betrieb des Hauses kümmerten. Die Frauen kümmerten sich dann um das Management dieser Funktionen oder verwirklichten sich auf anderen Gebieten und nahmen etwa in charitativer Form am öffentlichen Leben teil. Erst während des Krieges kümmerten sich auch Frauen aus der Mittelklasse voll und ganz um das Haus, als ihre Bediensteten gezwungen waren, entweder zum Militär oder in die Produktion zu gehen und sie ihre Arbeiter ans Militär verloren hatten. Ungefähr ab Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Bereich der meisten Familienhäuser so zu einem privilegierten Ort des Familienlebens. In den höhergestellten Klassen verblieben zwar noch Dienstmädchenzimmer oder Büros und Ordinationsräume für diejenigen, die zuhause arbeiten konnten, ihre Architektur garantierte jedoch immer eine Privatsphäre und eine klare funktionale Trennung der jeweiligen Räume für die verschiedenen Typen der jeweiligen Akteure.

Der Weg der Arbeiterklasse zum Familienhaus war länger und hing stark von der Vorstellung ab, welche die Angehörigen der Mittelklasse vom idealen Wohnraum einer Familie hatten. Im 19. Jahrhundert haben sowohl einige Unternehmer selbst, als auch Gemeinden und reformorientierte Intelektuelle und Politiker damit begonnen, die unzulänglichen Wohnbedingungen der Arbeiter intensiv zu klären. Auf diese Weise hat sich der Typ einer Firmenstadt herauskristallisiert, dessen Bestandteil häufig auch Wohnungen für die Arbeiter und für weitere Beschäftigte eines Unternehmens zu sein pflegten. An Orten, an denen die Mittelklasse das individuelle Familienhaus als ideale Wohnform ansah, folgte dann auch die Wohnform für die Arbeiterklasse diesem Muster, das jeweils den konkreten Bedürfnissen der verschiedenen sozioökonomischen Klassen angepasst wurde. Während die Wohnstätten der höheren Mittelklasse häufig über einen Salon verfügten, der für den Empfang von Besuchern oder zur Veranstaltung von halböffentlichen Ereignissen oder Diskussionsrunden bestimmt war, wandelt sich dieser Raum in Familien der unteren Klassen zu einem Wohnzimmer oder einer Wohnküche. Damit vergleichbar können wir auch Veränderungen in der Innenausstattung der Häuser beobachten. Die Kommodifizierung der Wohnkultur spiegelt sich etwa darin, dass teures Porzellan durch billigeres Steingut aus der Massenproduktion ersetzt wurde.

 

Das Baťa-Familienhaus in Zlín spiegelt diese Entwicklung des Familienhauses in der Gesamtheit seines Wesens wider. Tomáš Baťa und seine Mitarbeiter übernahmen die Visionen der paternalistischen Unternehmer des 19. Jahrhunderts und etablierten den Wohnungsbau als integralen Bestandteil der Unternehmenspolitik und -tätigkeit. Neben anderen Wohnformen bot das Unternehmen auch das Wohnen in Familienhäusern an, die alle Merkmale der sich entwickelnden Kultur dieser Wohnform aufwiesen. Die Häuser stellten in vielerlei Hinsicht einen Raum für die Arbeit der Frauen dar. Die Frauen sollen, ähnlich wie die Gärten, ein Umfeld für die Erholung der arbeitenden Männer gewährleisten.

Die Gründe, warum das Unternehmen die Form der Einfamilienhäuser und nicht die räumlich und wirtschaftlich vorteilhafteren Mehrfamilienhäuser wählte (mit denen es im Übrigen bereits in den vierziger Jahren in seinen Planungen zu rechnen begann), lassen sich eher erahnen. Ein Teil der Erklärung für diese Entscheidung ist sicherlich folgende von Gahura formulierte Vorstellung von Baťa: Der Industriearbeiter ist bei seiner Arbeit ein Diener und muss deshalb solche Möglichkeiten für ein Privatleben haben, dass er sich in seinem Haus als König fühlen kann. Warum aber sollte der durchdachte Bau von Wohnhäusern nicht demselben Zwecke dienen? Denn das Bild eines hochwertigen Wohnens ist hier genau das: ein ursprünglich aristokratisches und später mittelständisches Haus.

Eine kritischere Interpretation des Mottos Kollektiv arbeiten, individuell leben bietet dann eine Erklärung, die den Bau von Einzelhäusern als Versuch sieht, einen intensiveren Kontakt der Beschäftigten untereinander zu verhindern, der z.B. zur Bildung von Gewerkschaften führen würde. Die individuelle Familienunterbringung kann so funktionieren, andererseits "treibt" ihre Minimalform die Menschen bei schönem Wetter jedoch nach „draußen“, wo sie in den Gärten in dichter Nähe und engem Kontakt leben. Hier liefert wahrscheinlich eine Kombination aus mehreren Faktoren ein überzeugendes Bild.

Tomáš Baťa und seine Geschwister und Mitarbeiter griffen in ihren Visionen zu einem Ansatz, der ursprünglich vor allem von angelsächsischen Unternehmern verfolgt wurde, die auch auf Häuserkolonien setzten (etwa Bournville von der Firma Cadbury in Birmingham). Dort, wie auch in Zlín, spiegeln diese Häuser mittelständische Werte wider, die mit der Vorstellung verbunden sind, wie die Familie und damit auch die Gesellschaft als Ganzes idealerweise funktionieren sollte. Baťa war ein Erbe dieser Werte, machte sie sich zu eigen und baute seine Stadt auf ihrer Grundlage auf. Diese Wahl scheint eine Art traditionalistischer Anker inmitten modernistischer Stadtplanung und industrieller Produktion zu sein: Inmitten allen Fortschritts spielt die Vision der Kernfamilie (Eltern und Kinder) im eigenen – wenn auch nur gemieteten – Haus die Rolle einer Art häuslicher Sicherheit und fester Werte. In Wirklichkeit ist diese Sicherheit, die in Zlín bei weitem nicht jedem zur Verfügung stand, jedoch ebenso ein Produkt der Moderne wie die Arbeiterschaft, das Arbeitsverhältnis und die Fließbandproduktion.

 

Barbora Vacková