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Die Fabrikstädte des Baťa-Konzerns: Ideale in der Firmenpraxis


Literatur
  • D. G. Brinkley, Wheels for the World. Hanry Ford, His Company, and a Century of Progress, New York 2004
  • Giovanni Luigi, Company Towns in the World. Origins, Evolution and Rehabilitation (16th–20th Centuries), Padua 2013
  • O. J. Dinius, A. Vergara, Company Towns in the Americas. Landscape, Power, and Working-Class Communities, Athen - London 2011
  • J. S. Garner, The Company Town. Architecture and Society in the Early Industrial Age, New York - Oxford 1992
  • G. Gradin, Fordlandia. The Rise and Fall of Henry Ford‘s Forgotten Jungle City, New York 2009
  • Martin Jemelka, Ondřej Ševeček (edd.), Tovární města Baťova koncernu: Evropská kapitola globální expanze, Praha 2016
  • O. Ševeček, M. Jemelka, Company Towns of the Baťa Concern. History – Cases – Architecture, Stuttgart 2013

Die Fabrikstädte des Baťa-Konzerns: Ideale in der Firmenpraxis

Was ist eine Fabrikstadt?

Der Terminus Fabrikstadt (Company Town) tauchte wahrscheinlich Ende des 19. Jahrhunderts auf dem nordamerikanischen Kontinent auf. Ursprünglich war es ein ziemlich abwertender Begriff für die isolierten Bergbau- und Hüttensiedlungen in den Appalachen und im Monongahela Valley im Osten der Vereinigten Staaten, die für die widersprüchlichen Lebensbedingungen einer sich rasch verändernden Industriegesellschaft berüchtigt waren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff Fabrikstadt auch auf verschiedene Arten von Produktionssiedlungen in anderen Industriezweigen angewandt, konkret auf menschliche Siedlungen und von einem einzigen Unternehmen abhängige Produktionsstätten. Zunächst handelte es sich dabei vor allem um im Zusammenhang mit sog. Textilfabriken (Mühlenstädte) errichtete Siedlungen sowie um verschiedene Industriedörfer (Industrial Village). In der Folgezeit umfasste der Begriff Fabrikstadt auch die von reformistischen oder paternalistischen Unternehmern mit Ehrgeiz gegründeten Muster-Industriesiedlungen (Henri Joseph De Gorge-Legrand, Robert Owen, Titus Salt, George Pullman, William Hesketh Lever, George und Richard Cadbury usw.).

Mit Recht kann man auch den Zliner Industriellen Tomáš Bat'a zu ihnen zählen, dessen Produktionstätigkeit spätestens Ende der zwanziger Jahre definitiv über das Gebiet seiner Heimatstadt Zlín und sogar über die Grenzen der Tschechoslowakei hinausging. An der Wende der zwanziger und dreißiger Jahre nahm die Firma Baťa den Bau von eigenen Fabrikstädten in Angriff, als sie im Rahmen einer systematischen Dekonzentration der Produktion damit begann, die Produktion aus dem überlasteten Zlín in andere tschechoslowakische Städte zu verlagern. In den Auslandsstrategien des international agierenden Baťa-Konzerns spielten die Fabrikstädte die Rolle einer Art trojanischen Pferdes, über das der Konzern in die vertrieblich nur schwer zugänglichen Auslandsmärkte eindrang, die er anschließend mit einer lokal geprägten Produktion ausländischer Provenienz kolonisierte.

In den Firmendokumenten taucht der Begriff Fabrikstadt bereits im Jahr 1930 auf, erstmals wahrscheinlich im Zusammenhang mit der in Otrokovice-Baťov neu geplanten „Baťa-Fabrikstadt“. Baťas Zlín und seine tschechoslowakischen und ausländischen Produktionssatelliten wurden in der Unternehmenspresse und in den Firmendokumenten zumeist allerdings mit dem traditionelleren Terminus Industriestadt bezeichnet. Die in vielerlei Hinsicht synonymen Begriffe Industrie- und Fabrikstadt (heute spricht man auch von Werksstädten) und ihre Verwendung in der Unternehmensterminologie und –diskussion zeugten in vielerlei Hinsicht davon, dass die räumlichen und sozialen Fragen der modernen Industriestadt und Industriegesellschaft bei Baťa schon lange und lebhaft diskutiert wurden.

Dies war spätestens seit dem Ersten Weltkrieg der Fall, als die Unternehmensleitung von Baťa auf wirtschaftliche, soziale, legislative oder räumliche Grenzen der Stadt Zlín stieß, die eine rasche Entwicklung des Unternehmens nach den aktuellen Vorstellungen der Unternehmensleitung verhinderten. Das strategische Konzept von Baťas Fabrikstadt entsprang also auch der problematischen Erfahrung des Ersten Weltkriegs, als das Unternehmen aus eigener Initiative einige durch die Realität des Kriegs Krieg erheblich eingeschränkte Kompetenzen und Investitionsprojekte der Stadtverwaltung wie etwa Werksläden, Betriebskantinen oder Kinderhorte übernehmen musste, um die Kontinuität der Produktion zu erhalten und ihr enormes quantitatives Wachstum zu ermöglichen. Die Idee einer in vielen Bereichen der Produktion, des gesellschaftlichen und täglichen Lebens von der Firma Baťa dominierten Fabrikstadt Zlín war somit eng mit den Erfahrungen verbunden, die Tomáš Baťas Firma während des Ersten Weltkriegs und vor allem nach Kriegsende gemacht hatte, in einer Zeit allgemeiner sozialer Unruhen, mit der realen Bedrohung einer Sozialisierung großer, an der Kriegsproduktion beteiligter Industriebetriebe. Das Konzept der Baťa-Fabrikstadt hatte also nicht nur in Übersee seine Wurzeln, sondern auch in den eigenen (Kriegs-)Erfahrungen der Firma.

Baťas Variante einer Fabrikstadt

Zu den konzeptionellen Vorbildern und Inspirationsquellen der Baťa-Fabrikstädte muss noch das langfristige Firmeninteresse an der Organisationsstruktur und der Sozial- und Personalpolitik von Industriegiganten hinzugezählt werden. Zu diesen gehörte auch der Bergbau- und Hüttenkonzern Vítkovice, der bereits Mitte der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts unter der Leitung seines damaligen Direktors Paul Kupelwieser nach deutschem und angelsächsischem Vorbild das Projekt des so genannten Neuen Vítkovice in Angriff nahm, einer Werks- oder Fabrikstadt der Vítkovicer Hütte, die in den meisten Produktions- und Reproduktionsbereichen im weitesten Sinne des Wortes von einem einzigen Unternehmen – den Vítkovicer Eisenhütten und Steinkohlegruben – kontrolliert wurde.

Baťas Planer ließen sich quer durch alle Abteilungen des Unternehmens – für den Leser vielleicht überraschenderweise – auch von den ehrgeizigen und oft größenwahnsinnigen Projekten der sowjetischen Planer aus der Zeit der beschleunigten Industrialisierung der Sowjetunion in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts (Magnitogorsk) inspirieren. Die sowjetischen Technokraten standen vor ähnlichen Herausforderungen wie die Planer von Baťa. Diese bestanden vor allem aus einem konsequenten und umfassenden Zusammenschluss von Segmenten der industriellen Produktion und der sozialen Reproduktion. Ihr gemeinsamer Ausgangspunkt waren die Vorbilder und Inspirationen aus den USA.

Baťa nutzte die amerikanischen, britischen, französischen, deutschen und sowjetischen Vorbilder und Inspirationen im Bereich der Stadt- und Sozialraumplanung völlig utilitaristisch und sehr eklektisch. Es wurden nur solche Lösungen herangezogen, die sich für die Absichten des Unternehmens als geeignet erwiesen, und zwar meistens erst nach empirischer Überprüfung in der Praxis. Die Realisierung von Fabrikstädten und ihren Varianten durch das Unternehmen bewegte sich zwischen zwei konzeptionellen Polen (übernommene und eigene Entwürfe auf der einen Seite und lokale Gegebenheiten auf der anderen) und nahm oft eine ursprünglich nicht vorgesehene Richtung.

Die in einer fast zehnjährigen Praxis mit der Planung von Industriestädten gesammelten Erfahrungen des Konzerns wurden schließlich in dem Firmenhandbuch Die Industriestadt (1939) zusammengefasst, woran auf Jan Antonín Bat'as Initiative wohl alle kompetenten Personen der Zlíner Unternehmensleitung mitwirkten, die jemals mit diesem Thema in Berührung gekommen waren (z. B. Die Architekten, Baumeister und Stadtplaner František Lýdie Gahura, Josef Gočár, Vladimír Karfík und Arnošt Sehnal; die Direktoren Dominik Čipera, Josef Hlavnička, Jan Hoza, František Kraus und Hugo Vavrečka; der Pädagoge Antonín Grác; der Arzt Bohuslav Albert u.a.).

Was genau war der Inhalt dieses unternehmensinternen Dokuments? Ein wesentlicher Teil des Schriftstücks besteht aus technischen Passagen, in denen sehr spezifische Aspekte des Standorts, der Bautechnik, der Verkehrs- und Energieinfrastruktur, aber auch der Demographie, der Löhne, des Konsums, der Ausbildung, der Kultur und der Freizeit beschrieben werden.

So bestand etwa das grundlegende Gebot von Bat'as Standortstrategien darin, Fabrikstädte in landwirtschaftlich geprägten Regionen mit ausreichenden Arbeits- und Wasserressourcen und mit einer Verkehrsanbindung zu traditionellen städtischen und industriellen Zentren zu errichten. Letztere werden in dem Handbuch als eine überholte Siedlungsform dargestellt, welche die meisten negativen Auswirkungen und Merkmale einer Industriegesellschaft in sich vereint. In Bat'as Fabrikstädten sollten sie durch ländliche Siedlungen mit einem Industriebetrieb und einem Produkt mit einer Siedlungskapazität von etwa 10.000 Einwohnern ersetzt werden. Die traditionellen Wurzeln der europäischen Aufklärung in der Bat'a-Version einer Muster-Industriestadt zeigen sich in der anthropologischen Zielsetzung des Glücks in Form von materieller Sicherheit für den einzelnen Arbeitnehmer.

Das Handbuch der Industriestadt wurde unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg verfasst und hat von daher einen sehr retrospektiven Charakter. Es fasst die Praxis der Gründung von Fabrikstädten in der politisch, wirtschaftlich und kulturell sehr heterogenen Umgebung der einzelnen europäischen Länder zusammen und stellt gleichzeitig auf konkreten Erfahrungen basierende alternative Lösungen vor. Das Handbuch zeigt auch die Komplexität der Planung von Baťas Fabrikstädten auf, so werden etwa nicht nur Raumplanung, sondern auch soziale Koordinaten und politische Zusammenhänge darin behandelt. Im Hinblick auf die Nachkriegsentwicklung der Baťa-Fabrikstädte in der Tschechoslowakei und in Europa im Allgemeinen ist die Selbstkritik an einer übermäßigen wirtschaftlichen Autarkie und sozialen Exklusivität der Fabrikstädte und ihrer "Inselmentalität" sehr interessant, die die Nachkriegsentwicklung hin zur Einführung eines gesellschaftlichen Kollektivismus unter den Bedingungen des Staatssozialismus weitgehend vorwegnahm.

Das Handbuch skizziert eine Abkehr vom Ideal der Zwischenkriegszeit, nämlich der Bebauung mit Einfamilienhäusern zugunsten einer mehrstöckigen Fließbandbebauung, und warnt vor einer Unterschätzung traditioneller Aspekte menschlicher Siedlungen, wie beispielsweise eines Stadtzentrums. Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Jedoch gilt, dass das Firmenhandbuch Die Industriestadt ein glaubhafter Beleg für die Komplexität von Baťas Planung von Fabrikstädten als städtebauliche, architektonische, wirtschaftliche und soziale Einheiten ist, die einerseits stets die lokalen Gegebenheiten respektierten und andererseits ehrgeizig bestrebt waren, für die moderne Industriegesellschaft eine neue Ordnung zu schaffen.

 

Realisierung

Bis 1945 wurden vom Baťa-Konzern folgende sechzehn Fabrikstädte auf dem europäischen Kontinent gegründet (geordnet nach Datum der Produktionsaufnahme von Baťa): Třebič-Borovina (Tschechoslowakei, 13. 5. 1931), Borovo (Königreich Jugoslawien, 7. 6. 1931), Ottmuth (Deutsches Reich, 27. 11. 1931), Chełmek (Polnische Republik, Anfang Februar 1932), Otrokovice-Baťov, (Tschechoslowakei, Frühjahr 1932), Möhlin (Schweizerische Eidgenossenschaft, Ende August 1932), Hellocourt-Bataville (Französische Republik, Anfang November 1932), Ratíškovice, (Tschechoslowakei, 1. 12. 1932), East Tilbury (Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Nordirland, Juli 1933), Best-Batadorp (Königreich der Niederlande, 24. 3. 1934), Svit-Batizovce (Tschechoslowakei, Ende September oder Mitte Oktober 1934), Napajedla (Tschechoslowakei, nach 15. 5. 1935), Zruč nad Sázavou (Protektorat Böhmen und Mähren, 29. 5. 1939), Šimonovany-Batovany (Slowakische Republik, 15. 7. 1939), Sezimovo Ústí (Protektorat Böhmen und Mähren, 7. 12. 1939) und Martfü (Königreich Ungarn, Sommer 1942). Neben den europäischen Standorten gehörten auch Batanagar in Britisch-Indien (Ende 1934), Batawa in Kanada (August 1939) und Belcamp in den Vereinigten Staaten (Oktober 1939) zu den Fabrikstädten.

Bis 1945 waren in Europa, Asien, Afrika und Südamerika Dutzende kleinerer Produktionsbetriebe und Betriebsstätten entstanden, deren Entwicklung allerdings nicht von der Entscheidung begleitet wurden, ein umfassendes Siedlungs- und Sozialprogramm aufzubauen. Ein besonderes Kapitel in diesem Kontext stellen die Siedlungsprojekte in Brasilien dar, die ab den vierziger Jahren unter der Leitung von J. A. Baťa durchgeführt wurden und aus denen mehrere weitere agroindustrielle Siedlungen hervorgingen: Batatuba (São Paulo, 1940), Mariápolis (São Paulo, 1943), Bataguassu (Mato Grosso do Sul, 1948), Batayporã (Mato Grosso do Sul, 1953).

Otrokovice Baťov

Die Vision einer Fabrikstadt mit einer hochwertigen Energie- und Verkehrsinfrastruktur, mit einer ausgebildeten sozialen Infrastruktur und modernen Werkswohnungen, die nicht nur für das Management, sondern auch für einfache Angestellte bestimmt waren, wurde von Baťa erstmals 1930 in der Umgebung der Firmenhauptstadt Zlín, nämlich im nahe gelegenen Otrokovice-Baťov, voll entfaltet.

In der Geschichte von Baťas Stadtplanung und Städtebau gebühren Otrokovice-Baťov viele Debüts: Völlig einzigartig war bereits die Erschließung des Bauareals der künftigen Fabrikstadt im Ortsteil Bahňák in dem riesigen Sumpfgebiet zwischen dem Fabrikgelände und dem Fluss Morava. Die Baufläche entstand durch eine sog. Abschwemmung des Hügels Tresný, dessen Masse zwischen 1933 und 1936 durch Wasserströmung gezielt abgetragen wurde. 

Die Besessenheit der Unternehmensleitung von den für die Gerberei und die Schuhproduktion so wichtigen Wasserressourcen machte Otrokovice in den Anfängen des sog. Baťa-Kanals (1938) zu einem Flussfrachthafen. Ende der dreißiger Jahre erlangte auch der Firmenflughafen Otrokovice, dem Schauplatz des Flugzeugunglücks, bei dem Tomáš Baťa im Juli 1932 ums Leben kam, eine nationale Bedeutung.

Für die tschechoslowakischen Koordinaten beispiellos war auch das enorme Bevölkerungswachstum – in den Jahren 1930-1938 vervierfachte sich die Einwohnerzahl auf 8.000. Die Liste der Baťa-Debüts in der Firmengeschichte ließe sich beliebig fortsetzen, vor allem im Hinblick auf die im Fabrikareal verwendeten einzigartigen Bautechnologien und die Rekordproduktionswerte der Gerberei in Otrokovice, die zwischen den Weltkriegen und nach 1945 zu den modernsten in Europa gehörte.

Es ist sicherlich richtig, dass gerade Otrokovice-Baťov als Experimentierfeld gedient hatte, in dem viele Innovationen des Bat'a-Systems angewandt und überprüft wurden, sei es im Bereich der Abfallwirtschaft, der Entwicklung und Verwendung neuer Produktionsmaterialien oder der betrieblichen Ausbildung.

Wenn man die Fabrikstädte des Baťa-Konzerns als Laboratorien einer neuen industriellen Welt und ihrer sozialen Organisation bezeichnet, ist das sicherlich keine Übertreibung.

Martin Jemelka