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Der Zweite Weltkrieg und der Luftangriff auf Zlín


Literatur
  • Bohumil Lehár, Dějiny Baťova koncernu (1894-1945), Praha 1960
  • Jaroslav Klepáč, Bombardování zlínských závodů 1944, Gottwaldov 1963
  • František Vojta, Bombardování města Zlína a Baťových závodů americkým letectvem za druhé světové války, Gottwaldovsko od minulosti k současnosti , 1986, S. 7-36

Der Zweite Weltkrieg und der Luftangriff auf Zlín

Der Zweite Weltkrieg bedeutete für den Betrieb des global tätigen Konzerns Baťa ein ernstes Sicherheitsrisiko. Gleichzeitig bot er jedoch ein nicht zu vernachlässigendes wirtschaftliches Potenzial. Das mit der internationalen politischen Situation pragmatisch umgehende Management der Firma Baťa sah es als wichtig an, auch in der neuen Situation eine wirtschaftliche Perspektive zu erkennen. Die missliche bis gar feindliche Atmosphäre in Deutschland drohte jedoch mit der nationalsozialistischen Expansion zu eskalieren, bis hin zur Enteignung und zum Verlust der Kontrolle über einzelne Tochtergesellschaften oder sogar den gesamten Konzern. Die aktiven Gegenmaßnahmen des Konzerns in Form einer Germanisierung und Nazifizierung der Satzungsorgane der einzelnen Unternehmen, die Durchdringung der wirtschaftlichen und politischen Machtstrukturen des Landes, die Übertragung von Vermögenswerten zwischen verbundenen Finanzgruppen sowie ein ausgeklügeltes System von Interventionen, Lobbying und informellen Kontakten spiegelten die verschiedenen Angriffe von außen wider.

   Trotz erheblicher Anfangsrisiken gelang es dem Baťa-Management durch erfolgreiches Manövrieren, in den ersten Jahren der Besatzung enge Beziehungen zum "integrativen" Kern des Dritten Reiches zu knüpfen, was dem Konzern neue wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnete. Einige, wenn auch vielleicht zu optimistische Schätzungen sprechen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg von einem Anstieg der Beschäftigung im Weltkonzern Baťa um bis zu 100.000 Mitarbeiter, die meisten von ihnen in Kontinentaleuropa, das vom Nazi-Regime und seinen Satelliten kontrolliert wurde. Bis Ende 1943 wurden allein im Protektorat mehr als 53.000 Beschäftigte von den Konzernunternehmen übernommen. Gleichzeitig blieb die Anbindung des Konzerns an die deutsche Wirtschaft flexibel genug, um sich bei einer deutschen Niederlage ebenso leicht wieder aus den wirtschaftlichen und sozialen Strukturen des Konzerns lösen zu können.

    Von den ersten Okkupationstagen an musste auch das Produktionsprogramm der Zliner Stammwerke den Ansprüchen und Forderungen der NS-Verwaltung gerecht werden. Die für die Kriegsführung wichtigen Industriezweige unterlagen der direkten Kontrolle durch deutsche Vertrauensmänner. In den Zlíner Fabriken betraf dies vor allem die Maschinenbauproduktion, die zur Belieferung der deutschen Wehrmacht verpflichtet war. Die "zivile" Produktion hatte hingegen einen größeren Handlungsspielraum; im Zuge der Zwangskartellierung einzelner Branchen erarbeitete sich das Baťa-Management stabile Positionen in den deutschen Wirtschaftsorganen, in denen es über ihre deutschen Vertreter die deutsche Wirtschaftspolitik mitgestaltete.

   Im Laufe der Jahre war es der Konzernzentrale in Zlín gelungen, die Unterstützung von einigen deutschen zentralen und regionalen Verwaltungs- und Parteiorganen zu gewinnen. So stieß sie beispielsweise beim Reichsprotektor für Böhmen und Mähren, Konstantin von Neurath, oder beim Wiener Gauleiter Hugo Jury auf Verständnis. Und vor allem das Reichswirtschaftsministerium kam ihr mit allem Möglichen entgegen. Der gebürtige Reichsdeutsche Dr. Albrecht Miesbach, der von der Baťa-Geschäftsleitung dazu eingeladen wurde, das Unternehmen als Direktor und Vorstandsmitglied zu leiten, erfüllte die Rolle eines Vertrauten der Beteiligten zu deren beiderseitiger Zufriedenheit – und das bei einem so wichtigen Wirtschaftsunternehmen wie den Baťa-Werken. Einerseits stärkte er das Ansehen und die Stellung der zuständigen deutschen Behörden im Wettbewerb mit anderen Macht-, Partei- und Verwaltungszentren des NS-Regimes, andererseits fand die Direktion Zlín in den genannten deutschen Verwaltungs- und Parteiorganen Rückhalt was ihre Bedürfnisse und speziellen Interessen betraf.

   Bis zur letzten Phase des Zweiten Weltkriegs wurden direkte Kampfhandlungen vom Protektorat vermieden. Erst als amerikanische Armeen italienische Flugplätze besetzten, die Rote Armee ihre Operationen an der Donau begann und die anglo-amerikanischen Truppen den Rhein erreichten, geriet die Zlíner Industrieagglomeration in die Reichweite der alliierten Bombengeschwader. Ab Frühjahr 1944 sahen die Bürger der Region ihre Flugzeuge immer häufiger am Himmel. Die Überflüge der zahlreichen Bombengeschwader waren mit der Zerstörung deutscher strategischer militärischer Ziele in der Industrieregion Schlesien verbunden, die wegen der großen Entfernung bis dahin nur geringfügig betroffen war.

   Die erwartete Befreiung von der deutschen Besatzung stimmte die Bewohner des Protektorats gegen Ende des Krieges optimistisch. Nicht einmal die Überflüge der alliierten Flugzeuge konnten dies trüben. Scheinbar stellten sie kein größeres Sicherheitsrisiko dar, da sie ausländische Ziele ansteuerten. Obwohl die obligatorische Evakuierung der Bevölkerung in Schutzräume und sichere Zufluchtsorte bei Fliegeralarm für Fabrikarbeiter und Schüler eine angenehme Abwechslung von den Arbeits- und Ausbildungspflichten darstellte, erinnerte sie ihrer Durchführung nach nicht an eine lockere Übung. Die Räumung der urbanisierten Gebiete war perfekt organisiert. Jeder Evakuierte kannte den genauen Ablauf und das Ziel seines Standortwechsels.

   Der erste Vorbote der Katastrophe war der Luftangriff auf Zlín am 13. Oktober 1944. Damals warf eines von fünf kreuzenden amerikanischen Flugzeugen mehrere Bomben über dem Wohngebiet Letná und den angrenzenden Wald ab, eine Bombe fiel auf das Fabrikgelände, zwei auf das Fußballstadion in der Nähe des Kraftwerks und eine auf das Gelände eines nahe gelegenen Gartenbaubetriebs. Von 68 beschädigten Häusern wurden elf vollständig und zwölf schwer zerstört. Von den Industriegebäuden war das Garagengebäude in der Malenovská-Straße (heute Tomáš-Baťa-Straße) am stärksten betroffen. Bei dem Luftangriff wurden zwei Personen direkt getötet. Sieben Personen wurden schwer verletzt, von denen drei später ihren schweren Verletzungen erlagen. Weitere drei Dutzend Personen wurden mittelschwer verletzt.

   Viel schwerwiegendere Folgen der sich nähernden Front bekamen die Stadt und ihre Bewohner am 20. November 1944 zu spüren. Aufgrund der schlechten Sichtverhältnisse über dem Hauptziel des Luftangriffs, einem Fabrikkomplex im schlesischen Blechhammer, griffen zwei Geschwader der 15. US-Luftflotte alternative strategische Einrichtungen in Mähren und Schlesien an. Dabei wurden Fabrikkomplexe und die Bahnhöfe in Opava, Brno, Hodonín, Breclav, Zlín und Přerov bombardiert.

   In Zlín forderte ein nur drei Minuten dauernder Luftangriff (12:35-12:38 Uhr) neben neunzig Verletzten auch 24 Todesopfer und verursachte Sachschäden in Höhe von mehreren hundert Millionen Dollar. Die Bombardierung betraf ein Gebiet von etwa 1 500 m Länge und 600 m Breite, das von 175 Splitterbomben und 56 mit einem Zeitzünder versehenen Bomben getroffen wurde. Der verheerende Bombenangriff traf öffentliche Gebäude auf dem Platz der Arbeit und in der benachbarten Malenovská-Straße (das damals Viktoria genannte Hotel Gemeinschaftshaus, das Große Kino, das Sozial- und Gesundheitsinstitut und die Tomáš-Bat'a-Gedenkstätte).

   Erhebliche Auswirkungen hatte er auch auf die an das Fabrikgelände angrenzenden Wohngebiete. Betroffen waren mehrere Familienhäuser in der Nádražní-Straße im Stadtteil Trávník. In den Baťaschen Wohnvierteln Nad Ovčírna und Letná dann Firmenhäuser, wobei die größten Schäden an den ältesten Firmenbauten (Häuser mit Mansardendächern, die ältesten Varianten der Häuser mit Flachdächern) in den Straßen Antonínova, Kotěrova, Mostní und Na Vyhlídce verursacht wurden. 62 Wohnhäuser wurden vollständig zerstört und waren für den Abriss bestimmt, 54 wurden schwer beschädigt und 312 Häuser wiesen leichtere Schäden auf. Hunderte von Familien von den Baťa-Mitarbeitern, darunter Dutzende von Personen, die bis dahin noch im Hotel untergebracht waren, mussten auf dem Lande Zuflucht suchen oder mit verschiedenen Behelfsunterkünften vorliebnehmen.

  

Die meisten Bomben fielen bei dem November-Luftangriff auf das Fabrikareal. Den allierten Luftstreitkräften gelang es, vor allem dessen Ostteil schwer zu treffen. Die dort angesiedelte Schuhproduktion wurde völlig lahmgelegt. Die Gebäude Nr. 14, 15, 16 und 26 wurden durch die Bombardierung zerstört, während die meisten der übrigen Gebäude in der Zehnerreihe und ein Teil der Zwanzigerreihe erheblich beschädigt wurden. Bei ihnen handelte es sich um die ältesten Fabrikgebäude, von denen heute nur noch Gebäude Nr. 13 erhalten ist. Davon abgesehen hat auch das repräsentative Gebäude des Schuhgroßlagers (der Dopplblock der Gebäude Nr. 32 und 33) beträchtlichen Schaden erlitten. Sein nördlicher, elfstöckiger Teil (Gebäude Nr. 33) wurde einschließlich des Verbindungsanbaus bis auf die Grundmauern abgetragen, und vom südlichen, zehnstöckigen Teil (Gebäude Nr. 32) wurden 1946 die sechs beschädigten Stockwerke abgerissen. Später wurde ein Stockwerk hinzugefügt, sodass das Gebäude fünf Stockwerke hoch war. Ferner wurden in diesem Sektor die beiden Gewerbeschulen (Gebäude Nr. 2 und 3) außer Betrieb gestellt, und Gebäude Nr. 11, das damals größtenteils als Verwaltungsgebäude gedient hatte, wurde teilweise ebenfalls beschädigt. Viele dieser Gebäude mussten abgerissen werden.

  Durch die Zerstörung der Gebäude Nr. 34 und 44 und die schweren Beschädigung von Gebäude 43, das als Rohstoff- und Chemikalienlager sowie als zentrale Mischkammer diente, wurde auch die Gummiproduktion, die im Rahmen der Zonierung der Produktion in den Dreißiger- und Vierzigerreihen angesiedelt war, stark beeinträchtigt. Der Kraftwerkskomplex, der das Werk und auch die Stadt mit Strom versorgte, erlitt ähnlich schwere Schäden. An vielen Stellen waren Strom- und Wasserversorgungsnetz ausgefallen, Dampfleitungen und Abwasserkanäle unterbrochen, Seilbahnen, Transporter und das Anschlussgleis des Unternehmens außer Betrieb. Am Zlíner Bahnhof war auch die Lokalbahn Otrokovice - Vizovice ausgefallen. Paradoxerweise blieb der zentrale und westliche Teil des Fabrikkomplexes dagegen nahezu unberührt, wo neben der Reifenproduktion und der Strumpfstrickerei auch die im Dienste der Kriegsziele des nationalsozialistischen Deutschlands stehende Maschinenbauproduktion ihren Platz hatte.

 

   Mit dem Ende des schrecklichsten Weltkonflikts, in den die Menschheit gestürzt wurde, scheint die Geschichte einen neuen Anfang genommen zu haben. Auch in Zlín begann man die Geschichte mit dem Jahre Null zu schreiben. Die allgegenwärtigen Zerstörungen, die der Krieg in Form von Luftangriffen auf die Gebäude im Fabrikareal angerichtet hatte, machten es dabei möglich, die neue Epoche von ihrer Vorgängerin abzugrenzen. 

 

   Noch während des Krieges begann man, kurz nachdem die Brände gelöscht waren, mit den Reparaturen der beschädigten Gebäude und der zerstörten Infrastruktur. Versorgungsleitungen wurden wieder in Betrieb genommen, emporragende Torsi abgerissen, rissiges Mauerwerk ersetzt, weggefegte Dächer abgedeckt und kaputte Fenster verglast. Bei den stark beschädigten, aber lebensfähigen Gebäuden wurden von unten bis nach oben alle tragenden Träger und teilweise auch die Deckenbalken untermauert. Größere Investitionen kamen erst mit der Befreiung nach 1945. In nur zwei Jahren wurden dort wo die Trümmer waren Fabrikgebäude gebaut und renoviert, insbesondere in der Zehnerreihe, dem ältesten Teil der Fabrik.

 

  Ein Zeichen des Wiederaufbaus in der Nachkriegszeit waren die neuen Gebäude Nr. 14 und 15, die vom Architekten Jiří Voženílek entworfen wurden, einem der progressivsten Architekten der Nachkriegszeit, der seit 1937 in der Bauabteilung der Firma Baťa tätig war. Voženíleks Ansatz zeugt von seiner kreativen Fähigkeit, neue Elemente in den bestehenden Masterplan von František Lýdia Gahura so einzufügen, dass sie den früheren Stil, dessen Substanz, den Stahlbetonskelettbau, das flache, mit Pappe gedeckte Dach und die unverputzten, verfugten Backsteingemäuer im Wechsel mit mächtigen, mehr als die Hälfte der Fläche der Seitenwände einnehmenden Glasfenstern nicht störten, sondern das Bild ergänzten und weiterentwickelten. Voženílek musste insbesondere aus betrieblichen und Dispositionsgründen den bisher verbindlichen auf einer Spannweite von 6,15 × 6,15 m basierenden Baťa-Baustandard aufgeben. Beim Wiederaufbau eines Gebäudes vergrößerte er die beiden Randfelder. Daraus ergaben sich die Maße 7,85 × 6,15 × 7,85 m, sodass die Sanitäranlagen und der Maschinenraum der Klimaanlage in den Randfeldern untergebracht werden konnten. Der neue Konstruktionstyp eines Fabrikgebäudes, der symbolisch an der Stelle errichtet wurde, wo das erste einstöckige Fabrikgebäude überhaupt gestanden hatte, setzte einen neuen, auch in anderen Variationen verwendbaren Standard.

 

  Der nur einige Minuten dauernde Luftangriff auf Zlín am 20. November 1944 veränderte das Gesicht des Baťa-Werksgeländes und der angrenzenden Wohnviertel definitiv. In die zerstörtesten östlichen Teile des Werks, wo bis dahin eine horizontale Anordnung der Gebäude vorherrschte, brachte der Nachkriegsbau Vertikalität. Dies ist umso wertvoller, da die Gebäude in diesem Teil des Areals in der Fernansicht vom Stadtzentrum aus durch ihre Silhouette deutlich zur Geltung kommen.

 

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   Mit Ausnahme von Gebäude Nr. 13 sind die ältesten Fabrikgebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert verschwunden, deren Konstruktion noch auf tragenden, von einem System von Holz- (später Stahl-) Stützen ergänzten Außenwänden beruhte, wobei ein großer Teil der unverputzten Seitenflächen von mächtigen Rundbogenfenstern eingenommen wurde. An den so frei gewordenen Stellen konnte der Bau eines neuen Konstruktionsmodells entwickelt werden, der auf der Erweiterung der beiden Randfelder basierte und bereits während des Krieges theoretisch ausgearbeitet worden war. Auch der zerstörte Doppelblock des zentralen Schuhlagers im Mittelteil des Areals, der bis zum Bau des  "Verwaltungsgebäudes" (Wolkenkratzers) Nr. 21 im Jahr 1939 zweifellos den Höhepunkt der kreativen Fähigkeiten der Baťa-Ingenieure der Zwischenkriegszeit darstellte, konnte durch das nicht minder imposante Gebäude des Zentrallagers Nr. 34 ersetzt werden, das in der Ausführung seiner robusten Baumassen einzigartig ist.

 

Trotz des außerordentlichen Arbeitseinsatzes in der Nachkriegszeit dauerte es jedoch eine Reihe von Jahren, bis die Folgen der Bombardierung des Werksgeländes beseitigt werden konnten. Im Nichtproduktionssektor erfolgte der Wiederaufbau noch langsamer, und im Stadtteil Letná sind noch bis heute leere Stellen zu erkennen.

Martin Marek