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Der erste Plattenbau G40

Datierung 1953–1954
Architekt(inn)en Bohumír Kula, Hynek Adamec
Kode Z5
Adresse Benešovo nábřeží 3828, Zlín
Öffentlicher Nahverkehr Öffentlicher Nahverkehr: Benešovo nábřeží (BUS 33)
GPS 49.2298994N, 17.6718486E

Das erste aus Vollwandplatten betehende Fertighaus in der ehemaligen Tschechoslowakei wurde zur Jahreswende 1953 und 1954 in Zlín (dem damaligen Gottwaldov) errichtet und erhielt die Bezeichnung G40 (G nach dem Entstehungsort, also Gottwaldov, und die Zahl 40 nach der Anzahl der Wohnungen). Seine Autoren Bohumír Kula und Hynek Adamec waren auf dem Gebiet des Wohnungsbaus erfahrende Innovatoren, die früher schon eine Reihe experimenteller Bauten realisiert hatten, zunächst für die Firma Baťa und später im Rahmen des Instituts für Fertigbauten des verstaatlichten Betriebs Stavosvit.
In der Vorkriegs- und Kriegszeit waren ihre Experimente relativ sporadisch, nach 1948 war die verstaatlichte ehemalige Bauabteilung der Firma Baťa nicht die einzige Stelle, wo neue Konstruktionstypen von Wohnhäusern geboren wurden. Der sozialistische Staat war sich bewusst geworden, dass hunderttausende neue Wohnungen gebaut werden müssen, und zwar vor allen in den sich schnell entwickelnden Industrieregionen, und auch, dass es nicht möglich war, diese Nachfrage nach Wohnungen mit den sonst üblichen Ziegelbauten zu befriedigen.
Parallel zu den Zlínern haben auch viele Andere Versuchstypen entwickelt, jedoch gelang es gerade Kula und Adamec aufgrund ihrer früheren Erfahrungen, einen neuen Haustyp zu entwerfen, der zum Symbol des Nachkriegswohnungsbaus werden sollte – den „Plattenbau“.
Den Prototyp des Plattenbaus G40 begann man im Dezember 1953 in der damaligen Straße Nábřeží pionýrů (heute Benešově nábřeží) auf einem Freigelände zwischen der Eisenbahntrasse und dem Fluss Dřevnice zu errichten, nachdem die Ausstattung des Baugeländes gewährleistet, das Grundstück erschlossen und die Baugrube für das Souterrain des 46 m langen und 14,4 m breiten Gebäudes ausgehoben war.
Das Souterrain wurde als Monolith in eine Holzverschalung gegossen, das erste Wohngeschoss hat man jedoch bereits aus Fertigplatten montiert, die mit LKWs von der Fabrik in Malenovice angeliefert wurden. Nach und nach wurden auf diese Weise insgesamt 1523 Fertigteile mit einem Gewicht von jeweils 2400 kg über eine Entfernung von 8 km befördert. Die Fertigteile wurden an einer dafür vorgesehenen Stelle des Bauplatzes abgeladen und dann von Bockkränen gehoben und an ihren  Bestimmungsort gesetzt. Die Kräne wurden damals noch individuell als geschweißte Konstruktionen gebaut, die ebenfalls von den Mitarbeitern des Instituts für Fertigbauten entworfen und zusammengesetzt wurden.
Die Platten wurden nacheinander von den Arbeitern in einer vorgegebenen Reihenfolge befestigt, an den Kontaktstellen der Platten wurden die Verbindungseisen miteinander verschweißt und die vertikalen Verbindungsstellen dann mit Mörtel verschlossen. An den Außenwänden hat man auch vertikale Profilsäulen angebracht, die bis heute ein typisches Merkmal der Fassaden des Hauses G40 sind. Nach 10 Wochen Arbeit war durch die Montage des Flachdaches im Februar 1954 der Rohbau fertig, die Fertigstellungsarbeiten dauerten bis Mai desselben Jahres an.
Jedes Haus vom Typ G40 ist ein Solitärbau, im Unterschied zu den vielen späteren Plattenbauten, die in beliebig langen Reihen zusammengesetzt werden können. Dies ist bei Typ G40 nicht möglich, da die Küchenfenster der jeweils vier Wohnungen auf jeder Etage nach Norden und Süden gerichtet sind und sich an den kürzeren Außenwänden befinden. Die Disposition des Hauses sieht demnach nur zwei Eingänge vor, wobei beide Haushälften symmetrisch an der Mittelachse anliegen. Auf allen Etagen findet man dieselbe Zusammensetzung von Wohnungen vor. 
Dieser Zlíner Prototyp ist zweifellos das repräsentativste Haus – es wurde noch vor der Kritik des sozialistischen Realismus fertiggestellt, sodass die Architekten nicht zögerten, von Verweisen auf die klassische Architektur Gebrauch zu machen – das erste Stockwerk wurde von den höheren durch horizontale Linien und ein Gesims abgetrennt. Diese Elemente riefen den Eindruck einer Art Sockel des Hauses hervor. Die horizontalen Fugen werden von pilasterartigen Betonfertigteilen verdeckt.
Über dem markanten Kranzgesims finden wir in regelmäßigem Raster verteilte dekorative Elemente in Form von flachen Kelchen, welche die Vorliebe der Renaissance für die Verzierung von Giebeln mit Zieraufsätzen widerspiegelt. Einzigartige und an weiteren Beispielen des G40 nicht wieder verwendete Elemente sind auch die Eingangsportiken, deren Flachdächer von den Wohnungen im ersten Stock als Balkone genutzt wurden. Über den Eingängen finden wir Mosaike – das eine zeigt Lindenzweige, das andere erinnert an den Baubeginn des Hauses, also an das Jahr 1953.
Die neuen Mieter bezogen 32 Zweizimmer- und 8 Dreizimmerwohnungen mit einer Wohnfläche zwischen 53 und 68 m2. Zur Wohnungsausstattung zählte ein Bad mit Badewanne und Waschbecken, ebenso eine Toilette mit Spülung. Die mit Gasherd, Speiseschrank, Arbeitstisch und zwei Hängeschränken ausgestattete Küche erfüllte alle Vorstellungen jener Zeit von einem komfortablen und technisch zufriedenstellenden Arbeitsumfeld für Hausfrauen.
Bald nach Fertigstellung des Zlíner Prototyps erschien in der Fachpresse ein Vergleich mit anderen Wohnhäusern, und zwar sowohl mit solchen experimenteller Natur, als auch mit den damals gängigen Ziegelbauten. Das G40 wies viele günstige Parameter auf, wie etwa ein geringeres Gewicht oder eine gegenüber den gängigen Ziegelhäusern geringere Bauzeit, jedoch waren die Ergebnisse nicht so überzeugend, damit Typ G40 die Bauproduktion dominiert hätte.
Einen solchen Erfolg konnten die Zlíner erst ein paar Jahre später verzeichnen, als dem Bau der Plattenbautypen aus der G-Reihe, offenbar unter dem Druck des Beschlusses des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, bis zum Jahr 1970 1 200 000 Wohnungen zu errichten, vor den übrigen Konstruktionsarten der Vorzug gegeben wurde und überwiegend in Form von Typ G57 die ganzen sechziger Jahre über in den Neubausiedlungen „geherrscht“ hat.
Nach dem Prototyp in der Straße Nábřeží pionýrů wurde die Serienproduktion von Typ G40 in den Jahren 1954–1955 in der Prager Siedlung Herálecká getestet und danach in der ganzen Republik massenhaft errichtet. Der „erste Plattenbau“ Zlíns übertraf seine jüngeren Kopien jedoch durch viele gelungene Details, da er es geschafft hatte, noch vor Chruschtschows Kritik des sozialistischen Realismus zu entstehen. Die jüngeren, nach 1955 errichteten G40 entbehren bereits die zur Akzentuierung der Eingänge angebrachten Pfeiler, die farbigen Fassaden, die dekorativen Geländer oder die Zierelemente der Attika.
Bis zum Jahr 1958 wurden in Zlín elf solche Häuser gebaut, weitere vier dann im nahegelegenen Otrokovice. In Hulín würde man zwei Objekte vom Typ G32 finden, das gegenüber Typ G40 ein Stockwerk weniger hat.
Das Haus in der heutigen Straße Benešově nábřeží wurde in den neunziger Jahren mit einer Wärmedämmung versehen und saniert. Obwohl das ursprüngliche Plattenraster unter der Wärmedämmung versteckt wurde, war die Sanierung relativ gelungen und darum bemüht, die ursprüngliche Farbgebung und das Aussehen der Fassaden zu bewahren.
 
 
MJ